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„Die Mitarbeiter ins Boot zu holen ist genauso wichtig wie Investitionen in Forschung und Entwicklung. Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass wir neue Lösungen entwickeln müssen, durch die sich unsere Arbeitsbedingungen verbessern. Diese Technologien in Aktion zu sehen ist fantastisch. Außerdem ist es für die Akzeptanz und den Erfolg von Innovationen unerlässlich, dass wir unsere Mitarbeiter von Anfang an in unsere Innovationsprozesse einbinden.“

 
John Gilbert
Mitglied des Vorstands

Interview mit John Gilbert

„Jeder arbeitet gerne für ein innovatives Unternehmen“

Herr Gilbert, im Logistikgeschäft ist der Wandel Alltag – Augmented RealityComputergestützte Erweiterung der Wahrnehmung, bei der sich reale und virtuelle Welt vermischen, z. B. zur Einblendung von Abseitslinien oder Torentfernungen bei Fußballspielen., Robotik und Internet der Dinge sind Themen, die für DHL Supply Chain längst Realität geworden sind. Welche Innovationen werden aus Ihrer Sicht das Geschäft der nächsten Jahre prägen?

Ich glaube, dass sie das Geschäft alle in irgendeiner Form prägen werden. Die Entwicklung schreitet jeden Tag fort. Augmented Reality (AR) zum Beispiel scheint nur im Zusammenhang mit Gaming-Innovationen für Schlagzeilen zu sorgen, dabei birgt die Technologie enormes Potenzial für logistische Anwendungen. Aktuell nutzen wir AR-Anwendungen in einigen unserer Lager in der Kommissionierung, und unsere Mitarbeiter sind begeistert: Die AR-gestützte Kommissionierung reduziert die Fehlerhäufigkeit erheblich, erhöht die Produktivität und hilft, neue Mitarbeiter schneller und einfacher mit unseren Abläufen vertraut zu machen. Die Lagerfachkräfte tragen Datenbrillen, sogenannte „Smart GlassesDatenbrille, die Informationen wie zum Beispiel E-Mails, Navigationshinweise oder Social-Media-Aktivitäten direkt ins Sichtfeld einblendet oder auch erweiterte Realität direkt vor dem Auge stattfinden lässt.“, mit spezieller Kommissionierungssoftware. Alle für sie wichtigen Informationen werden auf dem winzigen Display in der Brille eingeblendet – sie sehen, wo sich der gesuchte Artikel befindet, in welcher Menge er benötigt wird und wo er hingebracht werden soll. Die Technologie kommt ohne Handgriffe aus und reduziert Zeit und Aufwand für die Zusammenstellung von Bestellungen. Sie ist sehr vielversprechend – auch für andere Anwendungen.

Das gleiche gilt für die Robotik. Roboter werden immer autonomer und intelligenter. Dadurch können sie inzwischen viel besser konkrete Aufgaben im Logistikbetrieb übernehmen. Die Anfangsinvestitionen sind zwar relativ hoch. Nach mehreren Probeläufen mit verschiedenen kollaborativen Robotern in unseren Lagern sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass sie es wert sind. Zwei dieser Roboter – „Baxter“ und „Sawyer“ – sind zum Beispiel in der Lage, Produkte zu verpacken oder zu montieren. „Effi-BOT“ ist ein weiterer kollaborativer Roboter, den wir derzeit testen – ein vollautomatisierter Roboter-Rollwagen, der speziell für die Batch-Kommissionierung entwickelt wurde. Der Kommissionierwagen folgt dem Lagermitarbeiter durch das Regalsystem und wird von diesem beladen. Ist der Wagen voll, schickt der Kommissionierer ihn zu einem bestimmten Abladeort. Nach der Entladung fährt der Wagen automatisch zum nächsten Kommissionierer, der einen Wagen benötigt. Die Arbeit im Lager ist anstrengend – dieses System reduziert die körperliche Belastung für unsere Mitarbeiter, da sie keine schweren Lasten mehr tragen müssen, keine schweren Wagen schieben und keine unnötigen Wege zu Fuß zurücklegen müssen. Wir haben dadurch also nicht nur effizientere Abläufe, sondern auch ein besseres Arbeitsumfeld, was uns natürlich besonders wichtig ist.

Der 3D-Druck ist eine weitere vielversprechende Technologie, die in naher Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird. DHL testet seit mehreren Jahren unterschiedliche 3D-Drucker und Druckmethoden, und wir glauben, dass der 3D-Druck die industrielle Fertigung und die Lieferkettenstrategien von Grund auf verändern könnte. Ersetzen wird er die Massenproduktion allerdings nicht. Er wird sie ergänzen, indem er eine einfachere Produktion hochkomplexer, individualisierbarer Produkte und Ersatzteile ermöglicht. Dadurch werden die industrielle Produktion und die Logistik näher aneinanderrücken als je zuvor. Modelle wie „Ersatzteile auf Abruf“ senken die Lagerkosten von Unternehmen, „Product Postponement Services“ erhöhen die Anpassungsoptionen und verkürzen gleichzeitig die Lieferzeit an den Kunden. Dadurch werden Herstellung und Montage in verschiedene Phasen unterteilt, wobei 3D-Drucker vor Ort oder in der Region das letzte Glied im Produktionsprozess bilden könnten. Ganz egal, welchen Weg die Hersteller wählen – sie werden ihre Lieferkettenstrategien grundlegend überdenken müssen.

In der Lagerhaltung und Logistik der Zukunft werden auch Daten eine wichtige Rolle spielen. Dank intelligenter Prognosen und Routenoptimierungen durch fortschrittliche Algorithmen, künstliche Intelligenz und Software-Roboter werden wir besser planen können. Außerdem werden diese Werkzeuge sicher auch wieder Türen für neue, disruptive Logistikinnovationen öffnen.

Insgesamt meine ich, dass Unternehmen Technologien wie diese brauchen werden, um nachhaltig zu wirtschaften – Technologien, die die Effizienz und die Mitarbeiterzufriedenheit stärken, damit wir Herausforderungen wie den Fachkräftemangel und neue Erwartungen an die Work-Life-Balance erfolgreich bewältigen können.

Wie reagieren Ihre Mitarbeiter auf diese Veränderungen in ihrer Arbeitswelt? Mit welchen Mitteln und Aktivitäten lassen Sie sie an Innovationsprozessen teilhaben?

Die Mitarbeiter ins Boot zu holen ist genauso wichtig wie Investitionen in Forschung und Entwicklung. Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass wir neue Lösungen entwickeln müssen, durch die sich unsere Arbeitsbedingungen verbessern. Diese Technologien in Aktion zu sehen ist fantastisch. Außerdem ist es für die Akzeptanz und den Erfolg von Innovationen unerlässlich, dass wir unsere Mitarbeiter von Anfang an in unsere Innovationsprozesse einbinden. Deshalb halten wir sie und unsere Sozialpartner auf dem Laufenden, ermutigen sie dazu, an neuen Entwicklungen teilzuhaben und die Ergebnisse zu testen. Unsere Testläufe mit der „Vision Picking“-Technologie und kollaborativen Robotern sind zwei gute Beispiele. Beide wurden von den Mitarbeitern sehr gut aufgenommen und wir haben viele positive und detaillierte Rückmeldungen erhalten. Jeder arbeitet gerne für ein innovatives Unternehmen. Um diese Theorie in die Praxis umzusetzen, muss man alle konsequent einbinden.

Neben klassischen Dienstleistungen wie Planung, Beschaffung und Lieferantenmanagement gehören auch Verpackung, Reparaturen, Retouren und Recycling heute zur Norm im Kontraktlogistikangebot. Spielt auch das wachsende Umweltbewusstsein der Kunden eine Rolle beim Ausbau dieser Angebote? Wollen Sie diese zukünftig noch weiter ausdehnen?

Das Umweltbewusstsein der Kunden ist heute ganz klar deutlicher ausgeprägt. Das hat auch die Entwicklung entsprechender Serviceangebote in unserer Branche beschleunigt. Das GoGreen-Programm des Konzerns stellt die Nachhaltigkeit seit langem in den Mittelpunkt unserer Kundenlösungen. Wir haben nie aufgehört, diese Lösungen weiterzuentwickeln, anzupassen und auszubauen, und unser Portfolio zugleich um neue und innovative Lösungen erweitert.  

Wir bieten eine umfassende Palette an umweltfreundlichen Logistiklösungen, mit denen unsere Kunden ihren negativen Einfluss auf die Umwelt reduzieren können. Unser Envirosolutions-Portfolio umfasst Lösungen in den Bereichen Abfallmanagement und Herstellerhaftung sowie Beratungsleistungen und Unterstützung als wichtiger Partner beim Umweltschutz. Unsere maßgeschneiderten Abfallmanagement-Komplettlösungen helfen Unternehmen, ihr Abfallaufkommen zu reduzieren, Abfälle zu recyceln und wiederzuverwenden, um den „Zero Waste“-Status zu erreichen. Unsere Lösung zur Energieerzeugung aus Abfall am Londoner Flughafen Gatwick ist die erste ihrer Art weltweit. Beim Thema Herstellerhaftung geht es darum, kommunale Regierungen, gemeinnützige Organisationen und Unternehmen unabhängig von Standort und Produkt beim Thema
Compliance zu unterstützen. Wir nutzen unser umfassendes geschäftliches, produktspezifisches und juristisches Wissen, um eine ordnungsgemäße Berichterstattung sicherzustellen und die Komplexität und Kosten von Verwaltungsabläufen zu reduzieren. Unser Ziel lautet, Kunden in aller Welt und in allen Sektoren mit integrierten Logistik- und Umweltlösungen dabei zu unterstützen, ihre Umweltleistung zu verbessern.

Das Konzernziel, bis 2020 zum Maßstab für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln zu werden, umfasst auch maßgeblich die Widerstandskraft der globalen Lieferketten gegen wachsende Risiken. Mit welchen Maßnahmen stellen Sie in Ihrem Unternehmensbereich die Sicherheit in der Liefer- und Wertschöpfungsketten sicher?

Die heutigen Lieferketten sind globaler und komplexer denn je. Dadurch werden auch die Risikobewertung und das Risikomanagement immer wichtiger. Angesichts dieser Komplexität und aktueller Bedrohungen durch Terrorismus, Piraterie oder politische Instabilität ist die Transparenz von größter Bedeutung. Deshalb nutzen wir unsere globale Risikomanagement-Plattform Resilience360, um Zwischenfälle zu überwachen, Risikobewertungen zu generieren und negative Effekte zu antizipieren und zu verhindern. Sie ermöglicht es uns, schnell einzugreifen und negative Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette unserer Kunden zu minimieren. Außerdem haben wir in diesem Jahr das Resilience360 Transparency Portal eingeführt. In bestimmten Branchen – wie der Lebensmittel- und Textilindustrie – tun sich einige Unternehmen weiterhin schwer damit, sich einen Überblick über ihre komplette Lieferkette zu verschaffen, vor allem, wenn diese zahlreiche Ebenen von Lieferanten und Sublieferanten umfasst. Mit unserem Online-Tool erhalten unsere Kunden schnelle Einblicke in diese Ebenen und können sicherstellen, dass alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette regelkonform arbeiten.

Der Bericht zur Unternehmensverantwortung trägt in diesem Jahr den Titel „Das Ganze sehen“. Wie fassen Sie unter diesem Stichwort Ihre Aufgaben und Ziele für den Unternehmensbereich DHL Supply Chain für das Jahr 2017 zusammen?

Das Ganze zu sehen ist ein wichtiger Aspekt der DHL Supply Chain Strategie für 2017 und darüber hinaus. Unsere Geschäftsstrategie basiert auf der 2014 eingeführten Konzernstrategie 2020 mit den drei Säulen Focus, Connect und Grow. Im Wesentlichen wollen wir die globale Standardisierung vorantreiben, um unsere betrieblichen Abläufe zu verbessern, unsere Organisation weltweit noch besser zu vernetzen und dadurch effektiver zu machen, und in Sektoren und Märkten wachsen, in denen wir attraktive Möglichkeiten für nachhaltiges Wachstum sehen. Der Life Sciences und Healthcare Sektor sowie der Ausbau unserer Kapazitäten in der Region Asien-Pazifik sind Beispiele für Bereiche, in denen wir wachsen möchten. Um all das zu erreichen, muss man das Ganze sehen. Unser Kurs steht und wir ernten bereits die Früchte.